Aurum H2O

"feuercaro und ihr feuchtheisses (er)leben Nr.49

Update dieser Seite: 10.04.2006

feuercaro

Seemannszwirn


Kapitän zur See Kuddel Kurt Leu den Spitznamen Kurt hatte er sich, wie das bei Spitznamen
so oft der Fall ist, selbst ausgesucht, weil er fand, dass er irgendwie gut zu ihm passte , der
von seinen Bären, wie er die Mannschaft gerne nannte, respektvoll der alte Salzarsch genannt
wurde, weil er immer einen salzigen Hering in der Hose trug, um sich nicht aus Versehen
hinzusetzen, denn Sitzen hielt er für ein Zeichen von Mattigkeit und Mattigkeit war das
Letzte, wovon er wollte, dass es ihm unterstellt würde ,während ihn seine Familie im
Privatleben mit Saufnase anredete, da er tatsächlich die Nase eines Trinkers im Gesicht trug,
ein verquollenes, rotgeädertes, triefendes Prachtexemplar von einem Spritzinken, der die
anonymen Alkoholiker in helles Entzücken versetzt hätte (was übrigens daher kam, dass er
durchaus ab und an auch zwischen den Mahlzeiten ein Fässchen Rum nicht verschmähte), der
aber sonst von allen nur KaLeu gerufen wurde, nicht seines Namens wegen, sondern weil er
im Rang eines solchen, also eines Kapitänleutnants stünde, wenn er bei der Marine gewesen
wäre, was er aber nicht war, da er nicht bei der verfluchten Marine, sondern ein freier Beuter
war, hatte kein Problem.

Zwar war sein stolzes Schiff, die Sahne (von den Bären scherzhaft auch gerne Kurt die Sahne
genannt, was später und in einem ganz anderen Zusammenhang zur Kurtisane verballt und
gehornt wurde), leckgeschlagen, an einer Stelle direkt neben dem Kiel, an die sie nicht
rankamen, von innen nicht, weil die Bilge schon geflutet war und wie üblich keiner der
Seeleute schwimmen konnte oder wollte (Merke: Tiefergelegt ist auf See nicht von Vorteil),
und von außen nicht, weil es seit Wochen am Stück regnete und niemand bei dem Sauwetter
den Kiel holen wollte (seine Bären waren nicht nur des Schwimmens unkundig, sie waren
zudem auch noch überaus wasserscheu), und lenzen konnten sie auch nicht, weil sie sämtliche
Eimer, Töpfe und Tassen über Bord geworfen hatten, um nie wieder Labskaus essen zu
müssen, obwohl gegen Labskaus an sich nichts zu sagen war, solange man es aus Fleisch und
Kartoffeln oder zumindest artverwandten Zutaten zusammenkochte, sehr wohl jedoch, wenn
man stattdessen Seetang, feuchtes Schießpulver und Möwendreck dazu verwendete, und das
nur, weil der Smutje den Dosenöffner vergessen hatte und beim wiederholten Versuch die
widerspenstigen Dinger mit dem Sparschäler zu öffnen diesen ebenfalls unbrauchbar gemacht
hatte, was ihm zwei ernstzunehmende Rügen seitens der Schiffsleitung eingebracht hatte und,
da er nun sowieso zu nichts mehr zu gebrauchen war, einen äußerst kurzen Aufenthalt vor der
Buglafette, deren Viertelpfünder wie jeden Tag um Punkt Viertel vor zwölf abgefeuert wurde
und ihn in zwei unappetitliche Teile zerriss, ein kleines, rundes und ein großes, mit einem
kleinen, runden Loch darin, auf dass ihm das eine Lehre sei in Zukunft sorgsamer mit dem
bordeigenen Sparschäler umzugehen, aber das stellte für einen echten Seebärenkapitän noch
lange kein Problem dar.

Kapitän K. Leu wusste sich nämlich zu helfen, das heißt, solange noch Rum da war. Was
ohne Rum aus dem umgänglichen alten Salzarsch würde, ob er dann womöglich
unumgänglich oder ganz gemein gefährlich würde, das wusste niemand und das wollte auch
überhaupt niemand wissen. Flugs ließ er auf dem Vorderdeck ein kräftiges Lagerfeuer aus
den alten Rettungsbooten entzünden (was bei dem nicht anhalten wollenden, also anhaltenden
Regen ein Ding für sich war, dann unter dem Schutz eines der umgedrehten Rettungsboote
endlich doch gelang), um einen Quader Teer zum Schmelzen zu bringen. Als das Feuer sich
endlich bis in das Mannschaftslogis durchgebrannt hatte, brauchten die Männer sich bloß
noch darunter zu stellen und konnten sich so trockenen Fußes mit brennendem Teer beträufeln
lassen, was echte Teerjacken aus ihnen machte, die nun weder Regen noch die feuchte
Aussprache des alten Salzarsches zu fürchten brauchten. Allein die drei Mann, die das Feuer
unterhalten hatten, waren jetzt durchnass und ebenfalls zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie
wurden angehalten über die Klinge springen, aber so hoch sie auch sprangen, die Klinge war
immer noch ein bisschen höher und schon bald fehlten ihnen die zum Springen erforderlichen
Extremitäten und auch der Springwille insgesamt. Sie blieben noch eine ganze Weile so
stehen, wurden aber andauernd von den Teerbären umgerempelt, aus Versehen, weil sie nicht
mal mehr einen Meter (ein halbes Tausendstel einer englischen Seemeile) hoch waren.
Schließlich waren sie es leid und trollten sich rollend in die freigewordene Kombüse, wo sie
den vermissten Dosenöffner in einer Ecke hinter dem Kompost fanden, dies aber niemandem
verrieten, sondern stattdessen beleidigt und mit vom Blut durchgeweichten Karten bis an ihr
Lebensende Skat um ein Zehntel vom Hundertstel einer spanischen Goldtoblerone spielten.
Sie schafften eine ganze Runde und dann noch einmal bis Achtzehn, dann mussten sie alle
drei passen.

Jetzt musste es schnell gehen, das gesamte Vorschiff brannte bereits lichterloh, wie ein
Feuerschiff. Kuddel Leu ließ sämtliches Gepäck nach Steuerbord bringen, all die schönen
Musketen und Säbel und Viertelpfünder und Bigmäcks und Sechszöller und Enterhaken und
Angelhaken und Laubharken, den Kompass, den Kompost, das Stundenglas, das Wasserglas
und die Wasserwaage (unentbehrlich zur Dichtebestimmung der Gewässer, also ob sie noch
tragen), sein holländisches Fernrohr, das Barometer und das Log nebst Buch sowie sämtliche
Schatzkisten und Goldtruhen und was an Essbesteck noch so da war, dazu die drei
Kartenspieler (und den Dosenöffner, den einer von ihnen im letzten Moment aus reinem Trotz
noch verschluckt hatte), eben alles, was irgendwie schwer war. Als er zufrieden feststellen
konnte, dass das Schiff ordentlich krängte, verbot er den Männern auf die Latrine zu gehen
und ließ sie allen verfügbaren Schmuck anlegen und sich in jede Tasche eine Kanonenkugel
packen. Dann jagte er sie die Wanten hoch, bis in die Spitzen der Masten und Rahen. Das
Schiff holte gefährlich über und die Masten hingen waagerecht über dem Wasser.

Nun konnte der Schiffszimmermann, der vorher als Einziger achtern aufs Klo zum Leichtern
durfte (Notdurft) und nur mit der Tätowierung eines leichten Mädchens bekleidet war, das gar
nichts trug, nicht mal Anstand, sich mit einem speziellen, gewichtsverkleinerten Spezialtau
für alle Fälle, dem Pan-Tau, zum Kiel vorarbeiten, der wie auf einem Trockendock über den
Fluten schwebte, und das Leck mit ein paar Platten extraleichtem Diät-Schiffszwieback und
einer Handvoll Flügelschrauben abdichten. Das Feuer an Bord wurde derweil von selber
gelöscht, durch das auslaufende Bilgenwasser.

Der Rest war ein Kinderspiel. Aus den Resten des Vordecks wurde ein neues, verkürztes
Vordeck gebastelt und aus den geteerten Männern ließ sich ein Segel flechten, dass auf einen
einfachen Zuruf hin reagierte. Das alte Segel hatten sie weggeschmissen, weil es beim
Überholen nass geworden war. Das Pulver, das ebenfalls nass geworden war, konnte mit einer
Lötlampe getrocknet werden, wurde aber nur noch selten gebraucht, da die Männer in den
Wanten sich angewöhnt hatten beim Entern von Piroggen und Schabracken und beim
Naschen von Kapern, die zum Glück in Gläsern verkauft worden waren und neben den
abgetragenen Salzheringen ihres Chefs ihre einzige Nahrung darstellten, mit den Kugeln aus
ihren Taschen zu werfen. Das funktionierte genau so gut und verminderte zusätzlich die
unerträgliche Lärm- und Rauchbelastung an ihrem Arbeitsplatz.

So segelten sie noch jahrelang über alle Weltmeere und machten eine fette Prise Salz nach der
anderen sie wussten vor lauter Salz schon nicht mehr wohin damit bis sie eines unschönen
Tages in undichte Gewässer kamen und die Anzeige der Wasserwaage sich auf nicht ganz
dicht bis Ihr gluckert gleich ab einpendelte. Da warfen sie ihr ganzes Salz über Bord und
waren gerettet, die zuverlässige Wasserwaage sprang sofort wieder auf hochdichtes
Deuterium und, nachdem der alte Salzarsch noch einen seiner aufgetragenen Heringe
dazugab, sogar bis auf Tritium. Lediglich die trotz der immensen erbeuteten Vorräte
fehlenden Mahlzeiten gingen ihnen auf die Dauer etwas ab und es tat ihnen schon fast leid,
dass sie den Smutje damals so voreilig gelocht hatten, bis sie eines schönen Tages einen
holländischen Tomatensafttanker auf dem Mittellandkanal aufbringen konnten, der zudem
einer Abschlussklasse betrunkener Haushaltskundeschülerinnen mit der Lizenz zum
Dosenöffnen als Partydampfer diente, und ihr Glück von Stund an keine Grenzen mehr
kannte. Hei, was wurden da überall die Dosen geöffnet und erst das leckere Essen hinterher!

Zufrieden mit sich und dem Fass Rum an seiner Seite schob Käptn Leu sich einen frischen,
tadellos gepökelten, holländischen Matjes in die Kimme. Der alte war mit der Zeit schon
wieder etwas angegangen, obwohl gesessen hatte er nicht, er nicht, schließlich war er nicht
matt, der Kapitän K. Kurt Leu, die alte Saufnase, er spielte nicht mal Schach, wollte er auch
gar nicht, selbst wenn er gekonnt hätte, aber das ist eine andere Geschichte


Epilog:

Diese Geschichte ist nicht aus meiner Feder geflossen, sondern aus der des Reisedichters,
einem guten Freund von mir, der mir gestattet hat, sie hier zu veröffentlichen.
Wenn Ihr Lust auf weitere dieser wunderschönen Stories habt, könnt Ihr sie lesen unter:
www.dereisedichter.de




Zurück zum Verzeichnis weiterer Erzählungen ]
Copyright: Autor & Inhalt by feuercaro / Layout & Design by Rally